Zeitgenössische Ausblicke – das Richter-Fenster im Kölner Dom

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Juliane
Autor
Juliane

Den Kölner Dom kennt ihr wahrscheinlich alle. Aber kennt ihr auch die 11.263 bunten Quadrate, die sich in der zweitgrößten Kathedrale Europas verbergen?

EIN FENSTER?

Im Südquerhaus des Doms lässt sich dieses Monument zeitgenössischer Kunst bewundern, mitten zwischen gotischen Dachgiebeln, hölzernen Altaren und täglich durchschnittlich 20.000 Besuchern. Letzteren fällt dieses ganz spezielle Kunstwerk manchmal gar nicht auf, doch es lohnt sich, das nach seinem Erschaffer benannte Gerhard Richter-Fenster genauer unter die Lupe zu nehmen. Während das älteste Fenster des Doms von 1260 stammt, wurde dieses erst 2007 in der jetzigen Form gestaltet – und ist bis heute nicht unumstritten. Warum ihr hingehen solltet, um es euch anzugucken? Weil es so wunderbar einzigartig ist und zugleich so unerwartet in das jahrhundertealte Bauwerk eingegliedert ist.

DIE IDEE

Der international renommierte und erfolgreiche Kölner Künstler Gerhard Richter hat das Konzept für das Fenster nach dem Vorbild seines früheren Werkes „4096 Farben“ aus dem Jahr 1974 erstellt. Richter, der bislang als Maler, Fotograf und Bildhauer in Erscheinung getreten war, wagte sich mit der Gestaltung eines Kirchenfensters auf Neuland. Er setzte sich gegen konkurrierende Entwürfe anderer, mit realistischen Motiven arbeitender Künstler durch und wurde 2006 mit der Anfertigung beauftragt.

Das Fenster ist im Grunde genommen ein Mosaik aus 11.263 farbigen Quadranten in 72 verschiedenen Farbtönen, welche auch in den anderen Fenstern des Doms zu finden sind. Jedes Quadrat misst 9,6 mal 9,6 cm, insgesamt ergibt sich so eine riesige Fläche von 113 Quadratmetern. Das sind unglaubliche Dimensionen – stellt euch mal vor, ihr würdet eine gleichgroße Wohnung komplett mit solch kleinen Mosaiksteinen auslegen…

Der besondere Reiz ergibt sich aus der Zusammenstellung der einzelnen Quadrate: sie wurden fast komplett nach dem Zufallsprinzip angeordnet. Richter hat bestimmte Wiederholungen und Spiegelungen einzelner Bahnen vorgegeben und minimal korrigiert an den Stellen, wo die Verteilung nach dem Zufallsgenerator plötzlich Motive erahnen ließ. So entstand ein je nach Lichteinfall unterschiedlich wirkender Farbteppich, der wegen seiner fehlenden Motivhaftigkeit und für manche Kritiker fehlenden künstlerische Intention bis heute entweder heiß geliebt oder als unpassend eingestuft wird.

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SCHAUT ES EUCH AN!

Rein objektiv betrachtet ist es “nur” ein Fenster. Aber: es gibt viele Gründe, warum ihr unbedingt vorbeischauen sollte, um das Gerhard Richter-Fenster persönlich auf euch wirken zu lassen:

1) Ihr seht ein Kunstwerk eines der weltweit bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler. Und das ohne Eintritt zu zahlen und ohne lange Schlangen vor Museen!

2) Die Farbwirkung in Zusammenhang mit dem jeweiligen Lichteinfall ist unglaublich inspirierend und verführt dazu, sich spielerisch mit dem Werk auseinanderzusetzen: Findet eure Lieblingsfarbe! Sucht die gespiegelten Reihen! Könnt ihr die Farben in den anderen Fenstern des Doms wiederfinden? Plötzlich ist man auf Entdeckungstour…

3) Es ist so erfrischend und überraschend anders als der Rest des Kölner Doms. Inmitten gotischer Baukunst versteckt sich zeitgenössische Kunst. Das wirkt erst fremd, weil es so unerwartet ist. Ihr schreitet durch den Dom, biegt ins Südquerhaus und plötzlich ist es da. Überraschung!

  • Also ab geht’s nach Köln, bucht am besten ein Hotel in der Nähe des Doms und werdet Experte, was das Richter-Fenster angeht!

INFO

  • Kölner Dom
  • Margarethenkloster 5, 50667 Köln
  • Öffnungszeiten:  Nov- April 6:00-19:30 Uhr, Mai-Okt 6:00-21:00 Uhr  (keine Besichtigung während der Gottesdienste)